Sitz-Tribünen
Sitz-Tribünen sind Sitzgelegenheiten, die über mehrere Ebenen angelegt und frei zugänglich sind. Studierende können sich dort sowohl für längere Zeit informell als auch während kurzzeitiger formaler Phasen (etwa für kleine Präsentationen) aufhalten und dem Geschehen folgen. Ein wesentliches Merkmal von Sitz-Tribünen ist der schnelle Wechsel zwischen Zuschauen, Beobachten und aktiv am Geschehen teilnehmen.
Kontext
Andere Studierende zu treffen und sich an ihren Lernaktivitäten zu beteiligen, ist für soziales Lernen und die Zusammenarbeit wichtig. Dies gilt sowohl für formale Settings, wie organisierte Projektveranstaltungen, als auch für informelle Settings, z. B. die Zeit auf dem Campus zwischen Lehrveranstaltungen. Insbesondere hybride Lernsettings zeichnen sich oftmals durch unterschiedliche, ineinandergreifende Lernaktivitäten aus, etwa darstellende, erarbeitende und reflektierende Phasen.
Problem
Wenn Studierende zwischen aktiven Lern- und Arbeitsphasen und Phasen des Beobachtens und Zuhörens wechseln, kann der Einstieg in diese Aktivitäten schwierig sein. Gehen Studierende davon aus, dass sie sofort zur aktiven Teilnahme angehalten sind, dann verhalten sie sich manchmal besonders unauffällig oder setzen sich weit weg vom Geschehen hin – z. B. in die letzten Reihen eines Hörsaals. Besonders zu Beginn einer Lernphase scheint es unangenehm, sich zu beteiligen: Manche Studierende fühlen sich möglicherweise nicht selbstbewusst genug, um sich einzubringen. Oft möchten sie zunächst die Lernaktivitäten oder Präsentationen beobachten. Gerade deshalb sollte die Hürde für eine Teilnahme niedrig sein. Falls Studierende nicht leicht in die Lernaktivitäten eingebunden werden können, fühlen sie sich unwohl, verbleiben in einer passiven Haltung oder verweilen nicht lange im Lernraum.
Rahmenbedingungen
- Zuhören, Zuschauen, Teilnehmen: In einzelnen Phasen einer Lehrveranstaltung möchten Studierende gemeinsam einer kurzen Präsentation folgen oder einfach das Lehrgeschehen als Ganzes beobachten. Andererseits möchten sie Teil der Aktivitäten sein oder schnell in die Aktivitäten einsteigen können.
- Brüche in Lernphasen: Wenn der Bruch zwischen aktiver Teilnahme und aktivem/passivem Zuhören oder Beobachten zu groß wird, dann werden Lernphasen zu sehr voneinander abgekoppelt. Studierende bleiben häufig in einer passiven Rolle, wenn sie nicht schnell ins Geschehen eingreifen können. Gleichzeitig gibt es immer wieder Phasen, in denen Studierende in Ruhe und aufmerksam zuhören müssen, z. B. bei der Ergebnispräsentation anderer Studierender. Studierende sollten die Möglichkeit haben, nahtlos zwischen aktiven und passiven Phasen zu wechseln.
- Geschehen beobachten: Der Campus ist ein Ort der Begegnung. Studierende sollten möglichst viele andere Studierende sehen und die Möglichkeit haben, sich zu vernetzen und Ideen auszutauschen. Ähnlich wie Menschen gerne in Cafés oder auf Promenaden sitzen, um das Treiben zu beobachten, genießen Studierende es, die Lernaktivitäten ihrer Kommilitonen und das Campusleben zu verfolgen. Gleichzeitig sollte sich aber niemand beobachtet fühlen.
- Überblick: Der angenehmste (am meisten einladende) Sitzplatz ist dort, wo es hoch genug ist, um einen Überblick zu haben und gleichzeitig niedrig bzw. nah genug ist, um selbst an den Aktivitäten teilzunehmen (vgl. hierzu die „Stair Seats“ in Alexander et al., 1977). Je höher man sitzt, umso mehr kann man sehen. Doch umso schwieriger wird es, Teil des Lerngeschehens zu sein.
Lösung
In großen und mittelgroßen Lernräumen können Sitz-Tribünen dafür sorgen, dass Studierende platzeffizient auf mehreren Ebenen das Geschehen verfolgen können. Der Lernraum bietet dabei Lern- und Arbeitsbereiche zum aktiven Arbeiten mit Medien, so dass Studierende jederzeit zwischen aktiven und passiven Phasen wechseln können, ohne sich dem Gesamtgeschehen zu entziehen. Ebenso können Sitztribünen auf dem Campus in offene, informelle Lernumgebungen integriert werden, etwa in Eingangsbereiche, Lernlandschaften oder Bibliotheken.
Details
Die Sitzstufen der Sitz-Tribüne sollten leicht erhöht sein und gleichzeitig für alle gut erreichbar sein: für Studierende, die daran vorbeischlendern oder von einer eher aktiven Phase in eine rezipierende Phase wechseln. Mini-Tribünen sind oft Teil von Lernlandschaften, Lernzentren, Bibliotheken, Cafés, Mensen und Eingangsbereichen. Sie bieten Sitzgelegenheiten für Zuhörende. Anders als in einem ansteigenden Hörsaal sind die Sitzstufen nur für kleine Gruppen und kurze Aufenthalte gedacht. Sie werden beispielsweise während projektorientierter Phasen genutzt, wenn eine kurze Präsentation oder ein Input gegeben werden.
Studierende setzen sich mit ihren mobilen Endgeräten auf die Tribüne und sind somit einerseits in ihrer privaten Lern- und Arbeitswelt, wenn sie auf den Bildschirm des eigenen Arbeitsgerätes schauen. Zum anderen können sie jederzeit das Geschehen im größeren Lernraum überschauen und schnell in die dort stattfindenden Aktivitäten, z. B. an einem interaktiven Display, einsteigen und daran partizipieren.

Neben dem Ineinandergreifen von informellen, selbstgesteuerten Aktivitäten (z. B. Gruppenarbeit) und eher formalen, organisierten Phasen (z. B. Ergebnispräsentation) ermöglichen Tribünen auch Ruhe- und Entspannungszonen, um dem Geschehen auf dem Campus zu folgen. So haben Studierenden ihren individuellen Lernraum und können dennoch das Geschehen im Lernraum beobachten und schnell daran teilnehmen.
Eine Sitz-Tribüne besteht aus maximal zwei bis drei Höhenebenen (Sitzstufen) und ist für die Studierenden leicht zugänglich. In sehr belebten Bereichen der Hochschule, z. B. zentralen Foyers, können auch mehr als drei Ebenen zum Einsatz kommen. Eine weitere Variante sind Tribünen, die aus flexiblen Bauelementen bestehen. Diese können wie Legosteine aufeinander gesteckt und unterschiedlich konfiguriert werden. Dabei ist unbedingt auf eine bequeme Sitzhöhe zu achten. Wenn die Blöcke zu niedrig sind, sitzen die Studierenden sehr unbequem.
Stolpersteine
- Bei der Umsetzung von Sitz-Tribünen ist auf die Arbeitssicherheit zu achten. So müssen höhere Sitzplätze seitlich unbedingt mit einem Geländer abgesichert werden. In Räumen mit niedrigen Decken muss sichergestellt sein, dass auch große Personen beim Aufstehen von den höheren Plätzen nicht gegen die Decke oder Beleuchtung stoßen - und sich dabei ggf. verletzen und das Gleichgewicht verlieren. Bei Sitztribünen, die sich aus flexiblen Blockelementen zusammensetzen, ist darauf zu achten, dass keine Finger eingeklemmt werden. Umbauten sollten daher unter Aufsicht geschehen. Zudem sollte es nicht möglich sein, dass Campusangehörige ohne entsprechende Sicherheitseinweisung die Tribüne zu hoch bauen.
- Für die Reinigung der Tribüne sind zusätzliche Ressourcen einzuplanen. Bei größeren Tribünen sollten Sitz- und Fußabstellflächen klar gekennzeichnet sein, z. B. durch Verwendung anderer Materialien oder Sitzkissen. Sitzkissen erhöhen zudem die Bequemlichkeit.
- Tribünen bieten einen informellen Rahmen und ermöglichen den Wechsel zwischen aktiven und passiven Phasen. Wenn das Verweilen auf der Tribüne jedoch zu lange dauert (z. B. für eine 90-minütige Vorlesung), dann wird es dort schnell unbequem.
- Die Orientierung der Tribüne sowie das Sichtfeld spielen eine entscheidende Rolle für die Akzeptanz der Sitz-Tribüne. Wenn Studierende dort sitzen, jedoch auf keine interessanten Aktivitäten schauen können - womöglich nur eine Wand oder Bücherregale sehen - dann wird die Nutzungsfrequenz sehr niedrig sein. Dies lässt sich leider in einigen Hochschulen beobachten: Dort wurden sehr hochwertige Sitztribünen als Teil von Treppenaufgängen installiert. Da es jedoch nichts Interessantes zu sehen gibt, werden diese kaum genutzt.
Vorteile
- Sitz-Tribünen schaffen einen informellen Charakter auf dem Campus. Es entstehen Zwischenräume für die Nutzung zwischen Veranstaltungen.
- Vortragende Personen und zuhörende Personen sind auf Augenhöhe.
- Sitzstufen, die einen Überblick über die Aktivitäten auf einem Platz oder an einem Lernort geben, sind natürliche Anziehungspunkte und werden gerne von Studierenden genutzt.
- Studierende können schnell die Rolle zwischen aktiven und passiven Lernteilnehmenden wechseln.
- Darstellende Aktivitäten, wie z. B. Kurzvorlesungen, Impulse oder Ergebnispräsentation, können in sehr aktive Projektarbeitsphasen integriert werden anstatt andersherum.
- Studierende können jederzeit aktiv Teil des Geschehens werden, wenn sie z. B. Freunde oder interessante Aktivitäten sehen.
- Die Ausstattung von größeren Räumen mit Sitz-Tribünen verbessert häufig das ästhetische Gesamtbild eines Raumes.
Nachteile
- Tribünen sind aufwändig zu reinigen. Dies ist gemeinsam mit dem Gebäudemanagement vor der Umsetzung zu planen.
- Bei Tribünen mit mehreren Ebenen muss genug Platz für die Füße der Studierenden eingeplant werden. Wenn Sitz- und Fußfläche überlappen, sitzen Studierende schnell auf dreckigen Flächen.
- Sitz-Tribünen sind in formalen Settings nur für kleinere Gruppen bis ca. 20 Personen geeignet.
- Für längere Sitzzeiten sind die Tribünen nicht geeignet. Sie werden schnell unbequem. Dies gilt insbesondere, wenn Rückenlehnen fehlen – z. B. auf der obersten Ebene oder wenn die Sitzfläche zu weit von der nächsten Stufe entfernt ist.
- Sitz-Tribünen sind nicht barrierefrei. Mobilitätseingeschränkte Personen können sie ggf. gar nicht oder nur begrenzt betreten und nutzen.
Beispiele
Am Standort Urbana-Champaign wurde an der University of Illinois eine große Sitz-Tribüne mit mehreren Ebenen in einen Eingangsbereich intgriert (Abb. 3, rechts). Zwischen den Ebenen überbrücken jeweils zwei Sitzstufen mit Polstern den Höhenunterschied. Links und rechts der Tribüne führen Treppenaufgänge zu den Ebenen. Der gesamte Raum ist durch eine deckenhohe seitliche Fensterfront hell ausgeleuchtet.
Auch in weiteren Räumen finden sich an der Universität kleinere Sitz-Tribünen. Abbildung 3 (links) zeigt Sitzreihen mit zwei Stufen aus hellem Holz, die für informelle Settings genutzt werden können.

Im Lernzentrum der University of Glasgow wurden mehrere Sitz-Tribünen zu unterschiedlichen Zwecken gebaut. Auf mehreren Etagen des Lernzentrums gibt es Sitz-Tribünen zum Entspannen und für Gruppenarbeit (Abb. 4, links). In die Sitzebenen eingelassene Stromquellen unterstützen das Arbeiten mit Laptops. Eine große Sitz-Tribüne im Eingangsbereich des Lernzentrums (Abb. 4, rechts) lädt zum Verweilen ein und bietet einen guten Überblick über das Geschehen im Foyer.

In kleineren Arbeitsräumen ermöglichen Sitz-Tribünen eine gute Sicht auf Präsentationen. Studierenden können sich im Raum zu Gruppen zusammenfinden, gleichzeitig aber nahtlos an Aktivitäten teilnehmen. Abbildung 5 zeigt einen Workshopraum mit einer Sitz-Tribüne an der rückwärtigen Wand, der Blick von der Tribüne geht in Richtung Präsentationsfläche. Alle Möbel im Raum sind mobil und auch die Tribüne lässt sich durch das verwendete Baukastensystem leicht an neue Raumanforderungen anpassen.

In der Eingangshalle der Hochschule Düsseldorf findet sich eine große Sitz-Tribüne mit mehreren, weit auseinandergezogenen Ebenen (Abb. 6). Die Stufen werden nicht nur für Lernaktivitäten, sondern auch für die Ausstellung von Projektergebnissen genutzt.

Das Lernzentrum der University of Strathclyde in Glasgow, Schottland, nutzt eine niedrige Sitz-Tribüne für eine „Speakers Corner“ (Abb. 7). Zwei Stufen mit Sitzpolstern bieten Sitzgelegenheiten für viele Personen. Die untere Sitzstufe ist dabei so breit angelegt, dass Personen hinter den Sitzpolstern bequem gehen können und auf der oberen Stufe ausreichend Fußraum beim Sitzen zur Verfügung steht. Eine Wand hinter der oberen Stufe dient als Rückenlehne, mit etwas Abstand zu den Sitzpolstern sind in regelmäßigen Abständen Steckdosen für die Stromversorgung in die Wand eingelassen. In einer Ecke stehen rollbare Sitzhocker als ergänzende, flexible Sitzgelegenheiten.

Verknüpfte Patterns
